Warum du das Gespräch mit dem Arzt suchen solltest
Eine Patientenverfügung ist ein rechtliches Dokument — aber die Entscheidungen darin sind medizinischer Natur. Du triffst Aussagen über künstliche Beatmung, Reanimation, künstliche Ernährung, Dialyse. Ohne medizinisches Grundwissen können diese Entscheidungen abstrakt, fremd und einschüchternd wirken.
Ein Gespräch mit deinem Hausarzt oder einer Fachärztin, der du vertraust, schafft Klarheit. Du verstehst, was die einzelnen Behandlungen konkret bedeuten — nicht in Lehrbuchsprache, sondern in Bezug auf deine persönliche Situation, deine Vorerkrankungen, dein Alter, deine Lebensumstände.
Gleichzeitig ist das Gespräch nicht verpflichtend. Du kannst eine Patientenverfügung ohne ärztliche Beratung erstellen. Aber wenn du die Möglichkeit hast — nutze sie. Es macht deine Entscheidungen fundierter und dein Dokument stabiler.
Was ein Gespräch mit dem Arzt nicht ist
Es ist kein Verhör. Es ist keine Beurteilung, ob deine Entscheidungen „richtig" sind. Ein guter Arzt respektiert dein Selbstbestimmungsrecht. Er informiert, klärt auf, beantwortet Fragen — aber er drängt dich nicht in eine bestimmte Richtung. Wenn dein Arzt Druck ausübt oder deine Entscheidungen abwertet, ist das ein Zeichen, das du ernst nehmen solltest.
Welcher Arzt ist der richtige Ansprechpartner?
Grundsätzlich ist dein Hausarzt die erste Anlaufstelle. Er kennt deine Krankengeschichte, deine Vorerkrankungen, deine Familie und deinen Lebensstil. Dieses Wissen ist wertvoll, wenn ihr über konkrete Szenarien sprichst.
Je nach deiner Situation kann auch eine Spezialistin sinnvoll sein:
- Onkologin / Onkologe — wenn du an einer Krebserkrankung erkrankt bist oder warst
- Neurologin / Neurologe — bei neurologischen Erkrankungen wie MS, ALS oder Demenz
- Kardiologin / Kardiologe — bei schweren Herzerkrankungen
- Palliativmedizinerin / Palliativmediziner — wenn du dich spezifisch über die letzte Lebensphase informieren möchtest
- Geriaterin / Geriater — wenn du älter bist und spezifische Fragen zu altersassoziierten Erkrankungen hast
Manche Patientenverfügungsberatungsstellen — zum Beispiel bei Verbraucherzentralen, Wohlfahrtsverbänden oder Krankenkassen — bieten ebenfalls kostenlose Beratung an, oft durch Sozialarbeiter oder speziell ausgebildete Berater.
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Checkliste: Diese Fragen solltest du mit dem Arzt besprechen
Die folgende Checkliste hilft dir, das Gespräch mit deinem Arzt vorzubereiten und sicherzustellen, dass ihr die wichtigsten Themen abdeckt.
Grundlegende Fragen zur eigenen Gesundheitssituation
- Welche meiner Erkrankungen oder Risikofaktoren könnten dazu führen, dass ich eines Tages nicht mehr entscheidungsfähig bin?
- Welche medizinischen Situationen sind bei mir persönlich in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten realistisch?
- Gibt es Erkrankungen in meiner Familie, die ich in der Patientenverfügung berücksichtigen sollte?
- Gibt es aufgrund meiner aktuellen Gesundheit etwas, das du mir bezüglich meiner Patientenverfügung besonders empfiehlst?
Fragen zur Reanimation
- Was passiert konkret bei einer Reanimation — was wird gemacht, wie lange, mit welchem typischen Ergebnis?
- Wie sind die realistischen Überlebens- und Erholungsaussichten bei einem Herzstillstand in meiner persönlichen Situation?
- In welcher Situation würdest du als Arzt eine Reanimation selbst nicht mehr empfehlen?
- Was ist der Unterschied zwischen einer Reanimation nach einem plötzlichen Herzinfarkt bei einem gesunden Menschen und einer Reanimation bei einem schwer kranken, sterbenden Menschen?
Fragen zur künstlichen Beatmung
- Was bedeutet maschinelle Beatmung konkret — wie lange, in welchen Situationen, mit welchem Komfort?
- Kann Beatmung wieder beendet werden, wenn sie einmal begonnen hat?
- Wann ist Beatmung kurzfristig sinnvoll (z. B. nach einer Operation), und wann ist sie dauerhaft, ohne Aussicht auf Entwöhnung?
Fragen zur künstlichen Ernährung
- Was ist eine PEG-Sonde — wie wird sie gelegt, wie lange kann sie bleiben, wie belastend ist sie?
- In welchen Situationen würdest du eine PEG-Sonde empfehlen, in welchen nicht?
- Was weiß die Medizin über künstliche Ernährung im Sterbeprozess und im Endstadium einer Demenz?
- Was passiert, wenn jemand im Sterbeprozess keine künstliche Ernährung erhält — leidet er Hunger und Durst?
Fragen zur Demenz und zum Wachkoma
- Wie verläuft eine schwere Demenzerkrankung typischerweise, und welche medizinischen Situationen entstehen dabei?
- Was ist das apallische Syndrom (Wachkoma), und welche Aussichten gibt es auf Erholung?
- Wie kann ich in der Patientenverfügung sicher beschreiben, dass ich im Endstadium einer Demenz auf bestimmte Maßnahmen verzichten möchte?
Fragen zur Palliativversorgung
- Was ist Palliativversorgung, und wie unterscheidet sie sich von normaler Krankenhausbehandlung?
- Was bietet SAPV (Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung), und wer hat Anspruch darauf?
- Wie kann ich sicherstellen, dass ich bei schwerer Erkrankung palliativ versorgt werde — nicht nur mit lebensverlängernden Maßnahmen?
- Wie kann ich in der Patientenverfügung den Übergang zur Palliativversorgung regeln?
Fragen zu Schmerzen und Symptombehandlung
- Habe ich das Recht auf ausreichende Schmerzbehandlung, auch wenn sie als Nebenwirkung das Leben verkürzen könnte?
- Wie stelle ich sicher, dass ich in der letzten Lebensphase nicht unnötig leide?
- Was ist Palliativsedierung, und wann wird sie eingesetzt?
Fragen zur Formvalidität der Patientenverfügung
- Kannst du bestätigen, dass ich heute einwilligungsfähig bin und die Entscheidungen in der Patientenverfügung aus eigenem Willen treffe?
- Bist du bereit, meine Patientenverfügung in meiner Akte zu vermerken?
- Wie kann ich sicherstellen, dass du im Notfall weißt, dass ich eine Patientenverfügung habe?
Wie du das Gespräch vorbereitest
Ein gut vorbereitetes Gespräch ist ein gutes Gespräch. Das gilt auch hier.
Vor dem Termin
- Lies dir die wichtigsten Grundbegriffe durch: Was ist eine PEG-Sonde, was ist CPR, was ist SAPV? Damit kannst du dem Arzt auf Augenhöhe begegnen.
- Schreib deine wichtigsten Fragen auf — nach Priorität geordnet. Du weißt nicht, wie viel Zeit ihr habt.
- Überlege, was dir grundsätzlich wichtig ist: Lebensqualität oder Lebensdauer? Würde oder maximale Verlängerung? Das hilft, das Gespräch zu strukturieren.
- Bring einen Entwurf deiner Patientenverfügung mit, wenn du schon einen hast — dann kann der Arzt konkret Stellung nehmen.
Während des Gesprächs
- Sag dem Arzt zu Beginn, worum es geht: „Ich möchte eine Patientenverfügung erstellen und möchte mit dir besprechen, was die verschiedenen Behandlungsoptionen bedeuten."
- Lass dir alles in einfachen Worten erklären. „Ich habe das noch nicht verstanden" ist keine Schwäche, sondern Selbstverantwortung.
- Mach dir Notizen oder frag, ob du das Gespräch aufzeichnen darfst.
- Frag am Ende: „Gibt es etwas, das du mir noch sagen würdest, das ich noch nicht gefragt habe?"
Nach dem Gespräch
- Bitte deinen Arzt, einen kurzen Vermerk in der Akte anzulegen, dass du eine Patientenverfügung erstellt oder besprochen hast.
- Überleg dir, ob du ihm eine Kopie geben möchtest — das ist sinnvoll, aber nicht verpflichtend.
- Gib ihm einen Hinweis, wo die Patientenverfügung zu finden ist.
Kann der Arzt Einfluss auf den Inhalt meiner Patientenverfügung nehmen?
Nein — und das ist eine wichtige Abgrenzung. Der Arzt informiert und klärt auf. Deine Entscheidungen sind deine Entscheidungen. Wenn ein Arzt sagt „Das kann ich nicht gut heißen" oder „Das werden wir nicht machen", dann verwechselt er Beratung mit Bevormundung.
In der Praxis kommen solche Momente vor. Manche Ärzte sind mit bestimmten Entscheidungen — etwa dem Verzicht auf Reanimation — nicht einverstanden. Das ist ihre persönliche Ansicht, und sie dürfen sie äußern. Aber sie dürfen deinen Willen nicht ignorieren oder unterdrücken.
Wenn du das Gefühl hast, dass dein Arzt deinen Willen nicht respektiert, such dir einen anderen Arzt. Es gibt Ärzte, die das Thema sensibel und respektvoll behandeln.
Was der Arzt nach dem Gespräch tun kann
Nach einem Gespräch über deine Patientenverfügung kann dein Arzt:
- Einen Vermerk in deiner Akte anlegen, dass du eine Patientenverfügung erstellt hast
- Eine Kopie deiner Patientenverfügung in der Akte aufbewahren
- Auf dem Dokument oder einem separaten Schreiben bestätigen, dass er das Gespräch mit dir geführt hat und du zum Zeitpunkt der Erstellung einwilligungsfähig warst
- Bei Bedarf eine Überweisung zu einem Palliativmediziner ausstellen
- Informationen zu regionalen Hospizdiensten oder Beratungsstellen geben
Eine ärztliche Bestätigung erhöht die Beweiskraft deiner Patientenverfügung erheblich — auch wenn sie gesetzlich nicht vorgeschrieben ist.
Patientenverfügung und ärztliche Gewissenskonflikte
Ärzte sind keine Automaten. Sie haben Gewissen, Überzeugungen, Grenzen. In manchen Situationen kann ein Arzt einen Gewissenskonflikt haben, wenn er deine Patientenverfügung umsetzen soll.
Das Gesetz schützt dich auch hier: Ein Arzt, der aus Gewissensgründen eine Patientenverfügung nicht umsetzen möchte, muss die Behandlung an eine Kollegin oder einen Kollegen übergeben, die das tut. Er kann nicht einfach gegen deinen Willen handeln.
Das ist ein weiterer Grund, warum die Vorsorgevollmacht so wichtig ist: Dein Bevollmächtigter kann deinen Willen gegenüber dem Arzt einfordern — nötigenfalls gerichtlich.
Häufige Missverständnisse im Arztgespräch
„Der Arzt entscheidet sowieso"
Falsch. Ärzte sind an eine wirksame Patientenverfügung gebunden. Sie haben keinen Ermessensspielraum, wenn dein Wille klar dokumentiert ist. Der Arzt hat die Pflicht zu prüfen, ob deine Patientenverfügung auf die aktuelle Situation zutrifft — aber er hat nicht das Recht, deinen Willen zu übergehen.
„Ich brauche ärztliche Unterschrift"
Nein. Eine ärztliche Unterschrift oder Beglaubigung ist gesetzlich nicht erforderlich. Eine ärztliche Bestätigung ist empfehlenswert — aber sie ist kein Gültigkeitsvoraussetzung. Deine Patientenverfügung ist gültig, wenn sie schriftlich verfasst und von dir eigenhändig unterzeichnet wurde.
„Der Arzt muss mir sagen was ich schreiben soll"
Nein. Der Arzt erklärt die medizinischen Sachverhalte. Was du daraus machst und wie du entscheidest, ist allein deine Sache. Ein guter Arzt zeigt dir die Optionen — er schreibt dir nicht vor, welche du wählen sollst.
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Zusammenfassung: Deine Checkliste für das Arztgespräch
Hier nochmal kompakt, was du beim Arztgespräch mitnehmen solltest:
- Liste deiner wichtigsten Fragen (priorisiert)
- Entwurf deiner Patientenverfügung (falls vorhanden)
- Stift und Notizblock
- Eine Begleitperson (Bevollmächtigter, Partner) — das hilft, nichts zu vergessen und das Gespräch zu verarbeiten
Nach dem Gespräch:
- Patientenverfügung finalisieren und unterschreiben
- Kopie beim Arzt hinterlegen
- Hinweis auf Patientenverfügung im Portemonnaie
- Bevollmächtigten informieren
Das Gespräch mit dem Arzt macht deine Patientenverfügung nicht perfekter — aber es macht sie deiner. Du triffst bessere Entscheidungen, wenn du verstehst, worüber du entscheidest.



