Der Ernstfall: Patientenverfügung im Krankenhaus
Jährlich kommen in Deutschland rund 19 Millionen Menschen ins Krankenhaus. Bei einem erheblichen Teil entscheiden Ärzte über Behandlungen, obwohl der Patient selbst nicht mehr ansprechbar ist — nach Unfällen, bei Herzinfarkt, Schlaganfall, Koma oder fortgeschrittener Demenz. Hier greift die Patientenverfügung.
Eine wirksame Patientenverfügung ist für Ärzte bindend — das ist im Gesetz (§ 1827 BGB) und durch mehrere BGH-Urteile (2016, 2018) klar geregelt. Aber die praktische Umsetzung im hektischen Krankenhausalltag bringt Herausforderungen mit sich.
Wer setzt die Patientenverfügung im Krankenhaus durch?
Der behandelnde Arzt — primär verantwortlich
Ärzte sind gesetzlich verpflichtet, den Willen des Patienten zu respektieren (§ 1827 BGB Abs. 1). Sie prüfen:
- Existiert eine Patientenverfügung?
- Ist sie wirksam (schriftlich, unterschrieben, konkret auf die Situation anwendbar)?
- Passt die aktuelle medizinische Situation auf die beschriebenen Szenarien?
- Ist die Patientenverfügung aktuell (nicht widerrufen, nicht überholt)?
Ergibt die Prüfung: Ja, die PV greift — muss der Arzt entsprechend handeln. Auch wenn das bedeutet, eine lebenserhaltende Behandlung zu beenden.
Der Bevollmächtigte — Durchsetzer
Hast du eine Vorsorgevollmacht, übernimmt der Bevollmächtigte eine zentrale Rolle: er vermittelt zwischen deinem Willen (dokumentiert in der PV) und dem medizinischen Team. Er kann Behandlungen zustimmen, Zweitmeinungen einfordern, Therapien beenden lassen.
Ohne Bevollmächtigten entscheidet der Arzt nach eigenem Ermessen — auf Basis deiner PV und im Zweifel durch Rücksprache mit dem Betreuungsgericht.
Die Angehörigen — mutmasslicher Wille
Angehörige (Ehepartner, Kinder, Geschwister) haben keinen direkten Entscheidungsauftrag — ausser sie sind bevollmächtigt. Aber sie werden von Ärzten oft konsultiert, um den "mutmasslichen Willen" zu ermitteln, wenn die PV auf die konkrete Situation nicht perfekt zutrifft.
Praxis-Ablauf: Was passiert mit deiner PV im Krankenhaus?
Notaufnahme
Wenn du nach einem Unfall oder akuten Ereignis ins Krankenhaus kommst:
- Personal fragt nach vorliegenden Patientenverfügungen
- Du hast einen Notfall-Ausweis mit Hinweis auf PV — Personal kontaktiert deine Vertrauensperson
- Ohne Dokumentation: Ärzte handeln nach medizinischem Standard (Lebensrettung vor allem)
- Sobald PV vorliegt: Ärzte prüfen und richten sich danach
Intensivstation
Auf der Intensivstation ist die Patientenverfügung besonders kritisch:
- Beatmung — maschinelle Beatmung gewünscht oder nicht?
- Dialyse — künstliche Nierenersatzverfahren?
- Künstliche Ernährung — über Magensonde (künstliche Ernährung)?
- Wiederbelebung — DNR-Anordnung (Wiederbelebung ablehnen)?
Ohne klare PV entscheiden Ärzte individuell. Mit klarer PV: bindend in Minuten umgesetzt.
Geplante Operationen
Vor grösseren OPs wirst du standardmässig nach Patientenverfügung gefragt. Die Aufklärung durch den Arzt sollte dann auch die PV einbeziehen: Was passiert, falls unerwartete Komplikationen eintreten? Was wenn du nach der OP auf Intensivstation landest?
Tipp: Vor geplanten Eingriffen die PV aktualisieren — speziell auf die aktuelle Situation zugeschnitten.
Wichtig: PV muss ANWENDBAR sein auf die Situation
Nach BGH-Urteil vom 6.7.2016 reicht es NICHT, allgemein "keine lebensverlängernden Massnahmen" zu schreiben. Die PV muss konkrete Krankheitssituationen mit konkreten Behandlungswünschen verknüpfen.
Beispiel: Schwach formulierte PV
"Ich möchte in Würde sterben und lehne lebensverlängernde Massnahmen ab."
Problem: Zu allgemein. Was ist "in Würde sterben"? Welche Situation ist gemeint? Ärzte müssen dann den "mutmasslichen Willen" ermitteln — mit Unsicherheit.
Beispiel: BGH-konforme PV
"Wenn ich unheilbar an einem Lungenversagen erkrankt bin und nur durch dauerhafte künstliche Beatmung am Leben gehalten werden könnte, lehne ich diese Behandlung ab."
Klar: konkrete Situation (Lungenversagen) + konkrete Behandlung (Beatmung) + klare Entscheidung (Ablehnung). Arzt weiss, was zu tun ist.
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Konflikte und wie sie gelöst werden
Konflikt zwischen Arzt und Angehörigen
Beispiel: Arzt will aufhören zu behandeln, Angehörige wollen weiter. Ohne klare PV und ohne Bevollmächtigten wird das Betreuungsgericht hinzugezogen. Das Gericht trifft eine Entscheidung (oft nach medizinischem Fachgutachten).
Konflikt zwischen Angehörigen
Beispiel: Ehepartner will Behandlung beenden, Kinder nicht. Nur bei klarer Vorsorgevollmacht ist die Zuständigkeit eindeutig. Ohne: Betreuungsgericht entscheidet — oft nach wochenlangen Verfahren.
Unklarheit, ob PV auf Situation passt
Ärzte müssen dann interpretieren: Passt die PV auf die aktuelle Diagnose? Bei Zweifelfall wird ein zweiter Arzt oder das Ethikkomitee des Krankenhauses hinzugezogen.
Ohne Patientenverfügung — was passiert dann?
Ohne PV handeln Ärzte nach medizinischem Standard — meist zugunsten der Lebensverlängerung. Konsequenzen:
- Maschinelle Beatmung wird eingeleitet, auch wenn Aussicht auf Genesung gering ist
- Künstliche Ernährung per Magensonde — auch bei fortgeschrittener Demenz
- Intensivmedizinische Massnahmen, auch wenn sie nur Leiden verlängern
- Reanimation bei Herzstillstand, auch bei Palliativpatienten
Die Angehörigen können versuchen, den "mutmasslichen Willen" einzubringen — aber das ist oft streitig und wird nicht immer akzeptiert.
Wie du sicherstellst, dass deine PV im Krankenhaus greift
1. PV immer bei dir haben
- Original in deinem Portemonnaie / Handtasche (mit Vermerk "Hier: Patientenverfügung")
- Kopie bei Ehepartner/Kindern/Vertrauensperson
- Kopie beim Hausarzt (in der Akte)
- Eintrag im Zentralen Vorsorgeregister (Vorsorgeregister)
2. Notfall-Ausweis tragen
Eine Kreditkarten-grosse Karte im Portemonnaie mit: "Ich habe eine Patientenverfügung. Sie ist eingetragen im Zentralen Vorsorgeregister. Meine Vertrauensperson ist: [Name], Tel. [Nummer]." Siehe Notfall-Ausweis.
3. Mit Hausarzt besprechen
Der Hausarzt sollte deine PV kennen und in seiner Akte haben. Bei Krankenhauseinweisung gibt er die Information weiter. Siehe Patientenverfügung mit dem Arzt besprechen.
4. Vorsorgebevollmächtigten wählen
Ein Bevollmächtigter ist der beste Durchsetzer — er kann direkt mit Ärzten sprechen, Entscheidungen treffen, deine Interessen vertreten. Ohne Bevollmächtigten muss notfalls das Gericht eingreifen.
5. Regelmässig aktualisieren
Alle 2-3 Jahre die PV prüfen und bestätigen (einfache Datumsaktualisierung mit Unterschrift reicht). Siehe Patientenverfügung aktualisieren.
Spezielle Krankenhaus-Situationen
Demenz-Patienten
Bei Demenz-Patienten ist die PV oft vor Jahren erstellt worden. Ärzte prüfen: Passt die PV auf die heutige Demenz-Situation? Manche Ärzte argumentieren, die frühere Entscheidung sei nicht mehr repräsentativ — das ist nach BGH aber NICHT zulässig. Die PV gilt weiter.
Palliativmedizin
Auf Palliativstationen wird PV besonders ernst genommen. Das Ziel ist hier ohnehin Lebensqualität statt Lebensverlängerung. Die PV wird früh mit Ärzten, Pflege und Angehörigen besprochen.
Hospiz
Im Hospiz ist PV Standard. Bei Aufnahme wird sie mit dem Patienten (sofern möglich) und Angehörigen durchgesprochen. Pflegeaufgaben richten sich nach dem dokumentierten Willen.
Psychiatrische Stationen
Bei psychiatrischen Behandlungen ist die PV eingeschränkt wirksam. Bei akuter Fremd- oder Eigengefährdung kann der Arzt trotz gegenteiliger PV behandeln. Die PV gilt erst wieder, wenn die akute Gefährdung abgeklungen ist.
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Deine Rechte als Patient
- Aufklärungsanspruch: Du hast Recht auf vollständige Aufklärung über Diagnose, Therapie, Risiken und Alternativen.
- Zweitmeinung: Du (oder dein Bevollmächtigter) darfst jederzeit eine Zweitmeinung einholen.
- Behandlungsablehnung: Du darfst jede Behandlung ablehnen — auch lebensnotwendige. Ausnahme: psychiatrische Notfälle.
- Akteneinsicht: Du hast Recht auf Einsicht in deine Krankenakte. Kosten: 0-20 € für Kopien.
- Beschwerde: Bei Problemen mit der Durchsetzung deiner PV kannst du die Patientenvertretung des Krankenhauses oder die Ärztekammer einschalten.
Häufige Fragen
Darf der Arzt meine Patientenverfügung ignorieren?
Nein. Eine wirksame PV ist für Ärzte bindend (§ 1827 BGB). Wenn ein Arzt sich weigert, deinen Willen umzusetzen, kann er sich strafbar machen (§ 223 StGB Körperverletzung bei ungewollter Behandlung). Wende dich an die Ärztekammer oder Patientenbeschwerdestelle.
Was, wenn meine Patientenverfügung zu Hause liegt?
Im Ernstfall wird erst einmal lebenserhaltend gehandelt. Sobald die PV vorliegt (Angehörige bringen sie, Notfallausweis verweist darauf), wird entsprechend gehandelt. Genau deshalb: Eintrag ins Zentrale Vorsorgeregister!
Kann ich meine PV auf der Intensivstation widerrufen?
Ja, solange du einwilligungsfähig bist. Einfach mündlich gegenüber Arzt oder Pflegepersonal erklären. Der Widerruf wird in der Akte dokumentiert. Nach Verlust der Einwilligungsfähigkeit: kein Widerruf mehr möglich.
Was ist, wenn ich im Ausland ins Krankenhaus komme?
Dort gelten andere Regeln. Die deutsche PV wird nicht automatisch akzeptiert. Siehe Vorsorgevollmacht im Ausland — ähnliche Regeln gelten für die PV. Empfehlung: bei häufigen Auslandsaufenthalten lokale Version erstellen.
Müssen Ärzte bei unklarer PV nachfragen?
Ja. Bei Zweifeln an Wirksamkeit oder Anwendbarkeit müssen Ärzte dich (falls möglich), den Bevollmächtigten oder notfalls das Betreuungsgericht konsultieren. Eigenmächtige Entscheidungen gegen den Patientenwillen sind unzulässig.
Wie schnell wird meine PV im Krankenhaus umgesetzt?
Bei klaren Situationen und klarer PV: sofort. Bei unklaren Fällen kann die Prüfung Stunden bis Tage dauern — das Krankenhaus-Ethikkomitee oder das Betreuungsgericht werden hinzugezogen.
Muss ich meine PV jedes Mal neu vorlegen?
Nein. Einmalige Hinterlegung in der Krankenhausakte reicht für die Dauer des Aufenthalts. Bei erneuter Aufnahme: neue Abgabe, falls Akte nicht mehr aktuell.
Fazit: PV ist nur wirksam, wenn Ärzte sie kennen
Eine Patientenverfügung hilft nur, wenn sie im Ernstfall bekannt ist. Die drei wichtigsten Schritte: (1) Zentraler Vorsorgeregister-Eintrag, (2) Notfall-Ausweis im Portemonnaie, (3) Hausarzt informiert. Dann ist sichergestellt, dass das Krankenhaus deinen Willen umsetzt.
Ebenso wichtig: konkrete Situationsbeschreibungen und konkrete Behandlungswünsche. Schwammige Formulierungen führen zu Interpretationsspielraum — und damit zu Unsicherheit in der Klinik.
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